
Gastartikel von Alexandra Lehmann - Heilpraktikerin, Geburtstraumaexpertin und Mitgründerin von
Das Rote Zelt
Inhalt
Du hast Bücher gelesen, Podcasts gehört, Kurse gemacht und dir vielleicht schon viele Fragen über dich selbst gestellt. Du weißt, was dir gut tun würde. Du kennst Begriffe wie Selbstfürsorge, Grenzen setzen, Achtsamkeit, Nervensystem oder innere Heilung. Und trotzdem gibt es Momente, in denen du dich erschöpft, überfordert oder seltsam weit weg von dir selbst fühlst.
Damit bist du nicht allein.
Viele Frauen tragen heute ein enormes Wissen in sich. Sie sind reflektiert, informiert und offen für persönliche Entwicklung. Doch genau darin liegt oft auch ein stilles Problem. Denn Wissen ist nicht automatisch Verkörperung. Etwas zu verstehen, bedeutet noch nicht, es wirklich zu fühlen, zu leben und im Alltag zu verkörpern.
Manchmal wird der Kopf voller, während die Verbindung zum eigenen Inneren immer leiser wird.
Wenn zu viel Wissen zur Belastung wird
Wir leben in einer Zeit, in der du zu fast jedem inneren Thema unendlich viele Informationen findest. Es gibt Ratgeber für Selbstliebe, Heilung, Beziehungsmuster, Weiblichkeit, Resilienz und emotionale Regulation. Vieles davon ist wertvoll. Doch gleichzeitig entsteht daraus oft ein unsichtbarer Druck.
Plötzlich hast du nicht nur deinen Alltag zu bewältigen, sondern auch noch den Anspruch, alles richtig zu machen. Du möchtest bewusst kommunizieren, deine Bedürfnisse ernst nehmen, deine Trigger erkennen, deinen Körper verstehen, dich gesund ernähren, Grenzen setzen und gleichzeitig gelassen, weich, offen und verbunden sein.
Das ist eine enorme innere To-do-Liste.
Was als Hilfe gedacht ist, kann sich irgendwann wie ein weiterer Leistungsbereich anfühlen. Dann wird selbst persönliche Entwicklung zu etwas, das du abarbeiten möchtest. Du beobachtest dich ständig, analysierst dich vielleicht ununterbrochen und fragst dich, warum du noch nicht weiter bist.
Doch Heilung folgt selten dem Takt von Optimierung.
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Der Kopf versteht, aber der Körper kommt nicht hinterher
Viele Frauen funktionieren über Jahre sehr gut. Sie organisieren, kümmern sich, halten aus, tragen Verantwortung und sind für andere da. Dabei lernen sie oft früh, stark zu sein, vernünftig zu handeln und ihre Gefühle eher zu ordnen als ihnen wirklich Raum zu geben.
Das Problem ist nur: Der Körper lässt sich nicht auf Dauer übergehen.
Auch wenn du kognitiv längst verstanden hast, dass du Pausen brauchst, sicherer werden darfst oder nicht ständig leisten musst, speichert dein Körper oft noch etwas anderes. Er kennt vielleicht Anspannung, Wachsamkeit, Anpassung oder das Gefühl, immer bereit sein zu müssen. Deshalb reicht Einsicht allein oft nicht aus.
Du kannst dir sagen, dass du loslassen sollst. Aber wenn dein System innerlich noch auf Alarm steht, wird Loslassen nicht einfach per Gedankenbefehl passieren.
Genau hier entsteht bei vielen Frauen Frust. Sie denken: Ich weiß doch längst, worum es geht. Warum fühlt es sich trotzdem nicht anders an?
Die Antwort ist meist nicht, dass du zu wenig weißt. Sondern dass dein Körper Zeit, Sicherheit und echte Zuwendung braucht.
Perfektionismus trägt heute oft ein freundliches Gesicht
Früher zeigte sich Perfektionismus vielleicht darin, alles richtig machen zu wollen. Heute kommt er oft in moderner, sehr akzeptierter Verpackung daher. Dann heißt er nicht mehr Leistung, sondern Entwicklung. Nicht mehr Anpassung, sondern Bewusstheit. Nicht mehr Kontrolle, sondern Selbstoptimierung.
Doch das Muster dahinter kann ähnlich bleiben.
Dann willst du nicht einfach nur wachsen, sondern möglichst schnell. Du möchtest nicht einfach nur fühlen, sondern es am besten sofort richtig machen. Du setzt dich unter Druck, um endlich bei dir anzukommen. Und du glaubst vielleicht insgeheim, dass du nur noch ein weiteres Tool, ein weiteres Seminar oder eine weitere Erkenntnis brauchst, damit es endlich leicht wird.
Aber so entsteht oft keine tiefere Verbindung zu dir selbst, sondern noch mehr Spannung.
Denn dein Inneres öffnet sich nicht unter Druck. Es öffnet sich eher dort, wo du aufhörst, dich ständig verbessern zu wollen.
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Selbstverbindung ist nicht noch mehr Tun
Viele Frauen haben gelernt, auf alles mit Aktivität zu reagieren. Wenn etwas weh tut, wird nach Lösungen gesucht. Wenn Unsicherheit auftaucht, wird analysiert. Wenn Erschöpfung da ist, wird oft versucht, sie effizient zu beheben.
Doch nicht alles in dir will gelöst werden wie eine Aufgabe.
Manches in dir möchte zuerst einfach wahrgenommen werden. Ohne Bewertung. Ohne sofortige Strategie. Ohne die Frage, wie du möglichst schnell wieder funktionierst.
Selbstverbindung beginnt oft viel schlichter, als viele denken. Nicht in der großen Erkenntnis. Nicht im perfekten Morgenritual. Nicht im nächsten Konzept. Sondern in einem ehrlichen Moment mit dir selbst.
Wie geht es mir wirklich?
Was spüre ich gerade in meinem Körper?
Was ist im Moment zu viel?
Was brauche ich, wenn ich nichts leisten müsste?
Diese Fragen wirken einfach. Doch sie können sehr tief gehen, wenn du dir erlaubst, nicht sofort eine kluge Antwort zu geben.

Warum viele Frauen sich selbst irgendwann nicht mehr richtig spüren
Sich von sich selbst zu entfernen, geschieht selten plötzlich. Es ist oft ein schleichender Prozess. Du gewöhnst dich daran, über Müdigkeit hinwegzugehen. Du lernst, ein Ziehen im Bauch zu ignorieren. Du redest dir Anspannung schön, weil eben gerade viel los ist. Du funktionierst weiter, obwohl etwas in dir längst nach Ruhe, Rückzug oder Ehrlichkeit ruft.
Mit der Zeit wird dieses Nicht-Spüren zur Gewohnheit.
Besonders Frauen sind oft darin geübt, feinfühlig für andere zu sein und gleichzeitig die Verbindung zum eigenen Körper zu verlieren. Sie merken, was andere brauchen, nehmen Stimmungen wahr, halten Beziehungen zusammen und haben ein Gespür für Zwischentöne. Doch die eigene innere Stimme geht dabei manchmal unter.
Dann lebt man zwar engagiert, verantwortungsvoll und reflektiert, aber nicht mehr wirklich aus der eigenen Mitte heraus.
Zurück in den Körper heißt nicht, perfekt entspannt zu sein
Viele stellen sich innere Verbindung sehr harmonisch vor. Als Ruhe, Sanftheit und Frieden. Doch der Weg zurück in den Körper beginnt oft anders. Vielleicht spürst du zuerst Müdigkeit. Oder Traurigkeit. Oder innere Leere. Vielleicht merkst du, wie angespannt du eigentlich die ganze Zeit bist.
Das kann unangenehm sein, aber genau darin liegt oft ein Wendepunkt.
Denn erst wenn du wieder wahrnimmst, was wirklich da ist, kann sich etwas verändern. Nicht, weil du dich zwingst, anders zu sein, sondern weil du aufhörst, dich selbst zu übergehen.
Zurück in den Körper zu kommen bedeutet deshalb nicht, sofort weich und gelassen zu werden. Es bedeutet zunächst, wieder in Kontakt zu treten. Mit deinem Atem. Mit deinen Grenzen. Mit deinen Bedürfnissen. Mit deiner Wahrheit.
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Kleine Schritte, die echte Veränderung möglich machen
Du musst nicht dein ganzes Leben umkrempeln, um dir selbst näherzukommen. Oft sind es kleine, ehrliche Schritte, die am meisten verändern.
Vielleicht beginnst du damit, dir ein paar Minuten am Tag ohne Ablenkung zu erlauben. Ohne Handy, ohne Input, ohne gleich etwas verbessern zu müssen.
Vielleicht fragst du dich in stressigen Momenten nicht sofort, wie du effizienter werden kannst, sondern was gerade in dir eng wird.
Vielleicht übst du, bei einem Nein nicht sofort Schuld zu empfinden.
Vielleicht legst du eine Hand auf deinen Bauch und atmest, statt dich im Kopf weiter hochzuschrauben.
Vielleicht erlaubst du dir, nicht sofort eine Lösung zu finden.
Diese kleinen Momente sind nicht unspektakulär. Sie sind oft der Anfang von etwas Wesentlichem. Denn sie unterbrechen die alte Bewegung des Funktionierens und öffnen einen Raum, in dem du dich wieder hören kannst.
Nicht noch mehr werden. Wieder mehr du selbst sein.
Vielleicht liegt der nächste Schritt nicht darin, noch mehr an dir zu arbeiten. Vielleicht liegt er darin, sanfter mit dir zu werden. Ehrlicher. Langsamer. Verkörperter.
Viele Frauen suchen nach sich selbst, als läge diese Version irgendwo in der Zukunft. Als müssten sie erst noch etwas erreichen, auflösen oder verstehen, um endlich ganz bei sich anzukommen.
Doch oft geht es gar nicht darum, jemand Neues zu werden.
Sondern darum, Schicht für Schicht all das loszulassen, was dich von dir entfernt hat.
Mehr wissen ist nicht immer die Antwort. Manchmal ist weniger Input der heilsamere Weg. Weniger Druck. Weniger Selbstbeobachtung im Leistungsmodus. Weniger Müssen.
Und dafür mehr Spüren.
Mehr Präsenz.
Mehr Vertrauen in das, was dein Körper dir längst zeigt.
Denn echte Veränderung beginnt oft nicht im Kopf.
Sondern in dem Moment, in dem du aufhörst, dich weiter von dir selbst zu entfernen.
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